Studium trifft Praxis: Wie Studierende reale Praxisherausforderungen erforschen
9. April 2026

Foto: UHH/Bohnet
Hier das Studium, dort die Bildungspraxis? Im Seminar „Erweiterte Praxis“ reflektieren Studierende eigene Erfahrungen sozialpädagogischer Praxis mithilfe einer partizipativen Forschungsmethode, und entwickeln Handlungsmöglichkeiten für reale Herausforderungen. Mia-Charlott Bohnet leitete das Seminar. In diesem Artikel erzählt sie von ihren Erfahrungen und warum die Lehrveranstaltung auch für Ihre Forschung wichtig ist.
Sitzsäcke, große Pinnwände, viele Stifte und bunte Moderationskarten im Raum verteilt: Alle zwei Wochen verwandelte sich das Group Lab des Hub of Educational Research (HER) im Wintersemester 25/26 in eine kreative Forschungswerkstatt. Dort traf sich eine kleine Gruppe Bachelorstudierender der Bildungs- und Erziehungswissenschaft im Rahmen des Seminars „Erweiterte Praxis”, um ihre Erfahrungen aus der parallel stattfindenden sozialpädagogischen Praxis zu diskutieren und zu reflektieren – und zwar mithilfe einer qualitativen Forschungsmethode, der Kollektiven Erinnerungsarbeit. Das Seminar ist Teil des Dissertationsprojekts von Mia-Charlott Bohnet, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft und Seminarleitung. Sie möchte erforschen, wie die Studierenden und angehenden Sozialpädagog:innen diesen Lehrkontext der forschenden Reflexion erleben und welche Professionalisierungsprozesse sich darin rekonstruieren lassen.
Praxiserfahrungen forschend verstehen
Die Kollektive Erinnerungsarbeit, begründet in der feministischen Forschung der 1980er, interpretiert Erfahrungen im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten. Sie bietet somit einen Zugang, individuell Erlebtes vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und institutioneller Rahmenbedingungen zu reflektieren – eine Perspektive, die für die Sozialpädagogik und Soziale Arbeit besonders relevant ist.
Für die Studierenden des Seminars bot die Methode den Anstoß für einen Prozess des forschenden Lernens. Unter der Leitfrage ‚Wie handelt ein:e gute:r Sozialpädagog:in?‘ reflektierten Studierende herausfordernde Situationen ihrer Praxis. Dabei verwendeten sie verschiedene Mittel, um Abstand zum Erlebten zu gewinnen: Sie formulierten auf Basis ihrer Praxiserfahrungen sogenannte Erinnerungsszenen in der dritten Person und änderten die Namen der handelnden Figuren. Anschließend analysierten und diskutierten sie diese gemeinsam im Hinblick auf die Handlungsmöglichkeiten. Die forschende Perspektive verändert den Blick auf die eigene Erinnerung, schafft Distanz und eröffnet neue Handlungsspielräume. „Die Frage, wozu Forschung relevant ist oder warum man jetzt eine qualitative Methode lernen sollte, stellte sich überhaupt nicht. Durch unseren Prozess entstand diese Verbindung ganz selbstverständlich. Die Forschungsmethode wurde ein Tool, um miteinander ins Gespräch zu kommen,“ erklärt Mia-Charlott Bohnet.
Group Lab statt Seminarraum
Impuls für das Lehr- und Forschungsvorhaben waren Frau Bohnets eigene Studienerfahrungen: „Das Arbeiten mit der Kollektiven Erinnerungsarbeit war für mich im eigenen Studium der Bildungswissenschaft eine prägende Erfahrung. Ich habe als Studierende erstmals verstanden, dass Forschung auch etwas mit mir zu tun hat. Diese Erfahrung möchte ich in meine eigene Hochschullehre einbringen. Gleichzeitig möchte ich erforschen, was diese Art forschenden Lernens für die Professionalisierung im Studium bedeutet. Was passiert auf der sozialen Ebene? Was nehmen die Studierenden mit? Welche Ideen und Normen guter sozialpädagogischer Praxis werden hier verhandelt?“ Die didaktische Verbindung von Praxis, Reflexion und forschendem Lernen berge für die Professionalisierung im sozialpädagogischen Studium ein bisher nur wenig erforschtes Potenzial.
Wenn Lehrende sich mit der eigenen Lehre und dem Lernen der Studierenden wissenschaftlich auseinandersetzen, spricht man auch von „Scholarship of Teaching and Learning“. Die Diskussionen und Gespräche des Seminars dienen Mia-Charlott Bohnet hierzu als Datenmaterial. Aus diesem Grund war es wichtig, dass alle Gespräche verständlich und sicher aufgezeichnet werden konnten. Die nötige Forschungsinfrastruktur fand sie am HER. Felix Zielke und Florian Liesenfeld, Teil des Teams des HER, übersetzten gemeinsam mit Frau Bohnet das Forschungsdesign in ein technisches Konzept, bereiteten vor jeder Sitzung den Raum vor, stellten die Aufzeichnung sicher und organisierten im Anschluss die Aufbereitung der Daten. Wenn Teilnehmende nicht vor Ort sein konnten, wurden sie kurzerhand per Videokonferenz dazugeschaltet und aufgezeichnet. „Mit dieser neuen Infrastruktur an der Fakultät und dem Team kann man sich komplett auf die Forschung und die Intervention konzentrieren. Das war eine enorme Erleichterung,“ so Frau Bohnet. Auch im Vorfeld half das Team bei der Beratung: Gemeinsam mit Michael Wuppermann, operative Leitung des HER, hat Frau Bohnet relevante Eckpunkte in Sachen Datenschutz für ihr Vorhaben besprochen. So war es beispielsweise wichtig, dass das Seminar ein Wahlmodul darstellte, sodass die Freiwilligkeit bei der Einwilligung der Studierenden gewährleistet war.
Transparenz und gute Beratung als Basis
Erfahrungen herausfordernder Situationen der sozialpädagogischen Praxis zu teilen ist eine sensible Angelegenheit. Es geht um aufwühlende Erfahrungen, eigene Überforderung und Menschen in schwierigen Situationen. Wie konnte trotz der Aufzeichnung aller Gespräche eine vertrauensvolle und sichere Umgebung für die Teilnehmenden geschaffen werden? „Ich habe mir im Vorfeld große Sorgen gemacht, was die Akzeptanz der Datenerhebung angeht. Die Studierenden waren aber sehr offen,“ erzählt Mia-Charlott Bohnet. Der Schlüssel für eine gelungene Zusammenarbeit seien Transparenz mit den Kursteilnehmenden und gute Beratung im Vorfeld gewesen. Felix Zielke, der das Group Lab technisch betreut, und Michael Wuppermann haben sich zu Beginn der Veranstaltung vorgestellt. So wussten alle Teilnehmenden, welche Menschen hinter dem HER stecken. Im Rahmen einer Förderung durch das Projekt UD[L]ehre der Universität Hamburg sowie der Beratung durch die Kolleg*innen des HUL (Hamburger Zentrum für Universitäres Lehren und Lernen) entwickelte Frau Bohnet Strategien für ein inklusives und vertrauensvolles Lernumfeld und reflektierte im regelmäßigen Austausch die eigene Rolle als Leitung, Forschende und Teilnehmende der Seminardiskussionen. Ein gemeinschaftlich definierter Code of Conduct, Check-Ins vor und anonymes Feedback nach jeder Sitzung sorgten dafür, dass die Bedürfnisse der Teilnehmenden angesichts der sensiblen Themen aktiv einbezogen wurden. Diese enge Abstimmung kam auch bei den Studierenden an: „Die Lehrveranstaltung war sehr hilfreich, sowohl für meine persönliche Entwicklung, mein zukünftiges Studium als auch für meine aktuelle und zukünftige Praxistätigkeit,“ spiegelte ein:e Teilnehmer:in. Und: „Man fühlte sich ernst genommen und als wichtiger Teil eines Forschungsteams.“
Die Vor- und Nachbereitungen für diese enge Zusammenarbeit im Seminar seien für alle Beteiligten mit hohem zeitlichem Aufwand und Engagement verbunden gewesen, erzählt Mia-Charlott Bohnet. Dennoch habe sie den Eindruck, dass die Studierenden und sie selbst viel mitnehmen konnten – was genau gilt es zu erforschen. Eine Fortführung des Seminars ist geplant. Alle Interessierten sind eingeladen am 10. April 2026 im Rahmen des HUL Kolloquiums mehr von Frau Bohnet über die didaktische Umsetzung des Seminars zu erfahren und im Rahmen eines Design-Based-Research Prozesses die didaktische Konzeption der Fortführung im Sinne einer Erweiterten Praxis 2.0 mitzudiskutieren.
Weitere Informationen
Über die Person
Mia-Charlott Bohnet ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Sozialpädagogik an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Sie studierte Bildungswissenschaft in Wien und absolvierte ein Studium Individuale in Lüneburg. Aktuell arbeitet sie an ihrer Dissertation mit dem Arbeitstitel „Forschende Praxis – Praktische Forschung: Kollektive Erinnerungsarbeit im Studium der Sozialpädagogik.”
Informationen zur Lehrveranstaltung „erweiterte Praxis”
Details zur Lehrveranstaltung gibt es auf der Seite des Zentrums für außerschulische Praxis: Zur Projektseite
Infos zur Projektdiskussion „Erweiterte Praxis 2.0: Weiterentwicklung forschenden Lernens in der Hochschullehre” im Rahmen des HUL Kolloquiums mit Mia-Charlott Bohnet: Zur Veranstaltung

