Intercontinental Teacher Education: Interkontinentale Begegnungen und Wahrnehmungen im Third SpaceBericht aus dem ITE Study Camp an der Universität Hamburg
17. Juni 2026

Foto: Worldmapgenerator
An der Universität Hamburg werden im Rahmen des Programms ‚Intercontinental Teacher Education‘ (ITE) internationale Schulpraktika mit universitärer Begleitung verknüpft. Das ITE-Programm ist in das durch den DAAD geförderte Programm ‚International Reflection and Experience in Teacher Education‘ (INTER) eingebettet und richtet sich an Lehramtsstudierende, die im Ausland Unterrichts- und Praxiserfahrungen sammeln und diese systematisch reflektieren. In 2026 finden solche Praktika beispielsweise an der Universdidad de la Ciudad de Buenos Aires (Argentinien), der Griffith University (Australien), der University of Education Winneba (Ghana) sowie an der University of North Carolina at Chapel Hill (USA) statt. Ziel ist es, Erfahrungen des Austauschs und die damit verbundenen Ungewissheitserfahrungen nicht nur zu reflektieren‘, sondern als relevanten Bestandteil professioneller Lehrkräftebildung zu verstehen: als Situationen, in denen Gewissheiten ins Wanken geraten, Wahrnehmungen sich verändern und pädagogisches Handeln neu eingeordnet werden muss.
Diese Reflexionsarbeit wird im Programmverlauf innerhalb eines jährlich an der Fakultät für Erziehungswissenschaft stattfindenden Study Camps gebündelt und intensiviert. Im Study Camp Hamburg kommen Studierende aus allen beteiligten Standorten zusammen: Die Incomings absolvieren schulische Praktika in Hamburg und reflektieren ihre Erfahrungen im Study Camp, während gleichzeitig Hamburger Studierende in ihrem Rückblick und in der weiteren Seminarbegleitung ihre eigenen Erfahrungen aus dem Auslandsaufenthalt einbringen. Das Study Camp ist mehr als ein organisierter Rahmen für Begegnung—es ist ein didaktischer Lernraum, in dem Begegnung ermöglicht und gleichzeitig als Reflexions- und Aushandlungsprozess verstanden wird.
Dafür ist ein zentrales Konzept leitend, die Kommunikation im ‚Third Space‘, also einem Drittraum, in dem transkulturelle Begegnungen nicht entlang starrer Kategorien (z. B. Kultur, Land, Sprache) stattfinden, sondern in dem neue Bedeutungen entstehen können. Ein Third Space entsteht jedoch nicht automatisch durch Anwesenheit unterschiedlicher Gruppen. Er muss gestaltet werden—so, dass Reflexion offen, partizipativ und vor stereotypen kognitiven Schließungen geschützt ablaufen kann. Genau hier setzt die Methode der ‚Critical Cartography‘ an.
Critical Cartography: Karten als gesellschaftliche Artefakte verstehen
Critical Cartography (z. B. Crampton et al. 2005) versteht Karten nicht als neutrale Abbildungen der Welt, sondern als Artefakte, in denen sich Entscheidungen, Perspektiven und Machtverhältnisse ausdrücken. Karten wirken auf den ersten Blick objektiv—gerade, weil sie vertraute Darstellungen liefern und ‚Realität‘ ordnen. Kritisch ist dieser Blick besonders dort, wo eine bestimmte Perspektive als unveränderlich, selbstverständlich oder universell erscheint. Ein klassisches Beispiel ist die Mercator-Perspektive: Die Welt wird so projiziert, dass Europa als zentraler Bezugspunkt wirkt und Größenzuordnungen systematisch verzerrt werden.
Die Methode der Critical Cartography arbeitet u. a. mit Verfremdung: Vorhandene kartographische Darstellungen werden irritierend umgebaut, damit das bis dahin Unsichtbare - 'absences‘ und ‚silences‘, also das Fehlen und Verdecken—sichtbar werden kann. In der Pädagogik ist das deshalb so wirksam, weil die Verfremdung Lernprozesse auslöst: Sie stört Routinen des Denkens und macht Raumwahrnehmung zum Thema. Ungewissheit wird nicht nur ertragen, sondern als produktive Irritation genutzt, als Moment, in dem sich Selbstverständlichkeiten auflösen und neue Perspektiven möglich werden.
Im ITE-Kontext ist diese Vorgehensweise besonders passend. ITE verbindet Ungewissheitserfahrungen mit postkolonialen Reflexionen und mit einer Aufmerksamkeit für subjektive Wahrnehmungen: Welche Stereotype werden aktiviert? Welche Zugehörigkeiten werden behauptet oder ausgeschlossen? Welche Logiken ordnen die Welt, auch wenn sie nicht als solche erkannt werden? Critical Cartography schafft einen Zugang zu genau diesen Fragen, indem sie Raum nicht nur abbildet, sondern als Wahrnehmungs- und Bedeutungsordnung erfahrbar macht, reflektiert und Gegenentwürfe ermöglicht (Iwers et al., In press).
Von Hamburger Stadtkarten zum eigenen Perspektivwechsel
Im Study Camp Hamburg wird Critical Cartography in seminaristischer Begleitung über mehrere Wochen praktisch umgesetzt. Ausgangspunkt sind typische Stadtkarten der Hamburger Innenstadt—so, wie sie aus touristischer Perspektive zirkulieren. Im gemeinsamen Einstieg wird nicht zunächst genauer hingeschaut: Was wird gezeigt, welche Bereiche bleiben außen vor, was wird nicht abgebildet, welche Perspektive wird durch den gewählten Focus zur Norm? In der Diskussion wird deutlich, dass die genutzten touristischen Stadtkarten überwiegend einen gut zugänglichen, kulturell gerahmten und vor allem wohlhabenderen Ausschnitt der Stadt präsentieren—also nur einen Bruchteil der Hamburger Lebenswirklichkeit. Schnell können die Studierenden unterschiedliche Verzerrungen benennen: politische und geschichtliche Zusammenhänge, sozioökonomische Differenzen in Stadtteilen, Bildungszugänge oder Fragen von Teilhabe werden in solchen Darstellungen häufig nur am Rand oder gar nicht verhandelt.
Besonders produktiv ist dabei, dass die Studierenden ihr eigenes Erleben im Raum den Darstellungen der Karten unmittelbar gegenüberstellen können. Dadurch wird Kartographie als Auswahlpraxis erkennbar: ‚Objektivität‘ stellt sich als perspektivische Rahmung heraus. Dieser Perspektivwechsel bildet den Übergang zur zweiten Phase: Die Teilnehmenden werden eingeladen, selbst Karten zu erstellen, die ihre eigenen Blickpunkte ins Zentrum rücken.
Die entstandenen Karten sind in der Regel sehr unterschiedlich—und genau das macht sie wertvoll. Einige Arbeiten lassen sich als Gegenentwürfe verstehen: Sie kartieren koloniale Spuren in Hamburg, dokumentieren Orte politischer Demonstration und Widerstand oder machen linguistische Vielfalt sichtbar. Andere setzen stärker auf persönliche Verortung: Sie zeigen etwa Sportorte als Bewegungsräume oder gestalten den Weg zwischen Unterkunft und Universität als Bildserie der Ankunft. In allen Fällen werden Karten zu einem Medium, in dem subjektive Perspektiven nicht nur geäußert, sondern konkret gestaltet und diskutierbar gemacht werden.
Daraus ergibt sich im Study Camp ein doppelter Effekt: Raumwahrnehmung wird reflexionsbedürftig, und Repräsentation wird als Aushandlungsprozess sichtbar. Die abschließenden Posterpräsentationen machen diesen Zusammenhang deutlich. In den Gesprächen berichten die Studierenden nicht nur von inhaltlichen Erkenntnissen, sondern auch von persönlichen Irritationen und Klärungen, die während der Kartenerstellung entstanden. Dadurch wird transkultureller Austausch weniger zu einem ‚Kontakt zwischen Gruppen‘, sondern mehr zu einem geteilten Arbeiten an Bedeutungen und zu einem geteilten Verständnis und Nachvollzug—ein praktischer Zugang zum Third Space.
Third Space als Lernraum durch Critical Cartography
Im Rückblick zeigte sich, dass Critical Cartography im Study Camp Hamburg besonders gut dafür geeignet ist, den Third Space didaktisch herzustellen. Die Methode schafft einen Raum, in dem Karten als Macht- und Wahrnehmungsordnungen lesbar, abwesende Perspektiven sichtbar gemacht und Gegenentwürfe konstruiert werden können. Gleichzeitig wird Ungewissheit produktiv: Nicht alles muss sofort geklärt oder einheitlich bewertet werden -stattdessen kann Perspektivenvielfalt als Ausgangspunkt für Reflexion dienen.
Damit wird Begegnung im Study Camp nicht nur ermöglicht, sondern strukturiert: über einen gemeinsamen Lerngegenstand, über eine irritierende Praxis, und über den Austausch darüber, wie Raum gesehen, interpretiert und gestaltet wird. Critical Cartography fungiert so als Ermöglichungsraum, als Methode, in der transkulturelle Verständigung nicht trotz Unterschiedlichkeit entsteht, sondern gerade über sie.
Hilla Franken, Telse Iwers, Lena Borlinghaus-ter Veer
Bibliographie
Crampton, J. W. & Krygier, J. (2005). An Introduction to Critical Cartography. ACME: An International Journal for Critical Geographies, 4(1), pp 11–33. https://doi.org/10.14288/acme.v4i1.723
Iwers, T.; Bonnet, A. & Wilken, A. (in press). Intercontinental Teacher Education: Transkontinentale Begegnungen und Wahrnehmungen im Third Space. Bericht aus einem Study Camp an der Universität Hamburg. In Graf, U.; Iwers. T.; Schübel, T. & Staudinger, K. (Hrsg.). Pädagogik der Anwesenden. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

