Forschungsprojekt-BEB-CoP
UHH/Röttger
Projektbeschreibung
Die Corona-Pandemie ist ein globales Phänomen, das alle Gesellschaften und ihre Organisationen, wie die Schule, stark herausfordert. Kinder und Jugendliche gelten dabei als besonders gefährdet, negativ von deren Folgen in Bezug auf schulische Bildung betroffen zu sein. Prognosen legen nahe, dass sich bestehende Bildungsbenachteiligungen v.a. für Kinder und Jugendliche nicht-privilegierter Milieus verschärfen. Gründe hierfür werden in den (teilweisen) Schulschließungen sowie den jeweiligen schulformbezogenen und häuslichen Möglichkeiten für digitalen Distanzunterricht gesehen. Ziel des Projekts BEB-CoP ist es, Behinderungen und Ermöglichungen sozialer und akademischer Teilhabe von Schüler:innen nicht-/privilegierter Milieus in Deutschland und Kanada in dem vulnerablen Übergang von Kindheit zu Jugend vergleichend zu betrachten. Dabei wird ein zentrales Desiderat fokussiert: die Erfahrungen von Schüler:innen unterer Jahrgänge der Sekundarstufe 1 während der Pandemie. Sie werden mittels Gruppendiskussionen erhoben. Mit den Schulleitungen und Klassenlehrpersonen werden ergänzend Interviews geführt. Entlang des Vergleichs von Schüler:innen, die in sozial-ökonomisch nicht-/privilegierten Familien in Deutschland und Kanada aufwachsen und in einem mehr- gegenüber einem eingliedrigen Schulsystem beschult werden, sollen milieuspezifische Behinderungen und Ermöglichungen der sozialen und akademischen Teilhabe rekonstruiert werden. Der Vergleich mit Kanada, wo Bildungserfolg und soziale Herkunft bereits in vor-pandemischer Zeit weniger stark korrelierten als in Deutschland, und das unter den OECD-Staaten führend im Aus- und Aufbau schulischer Digitalität ist, eröffnet neue Erkenntnisse zur Gestaltung innovativer bildungspolitischer Maßnahmen für nachhaltige (schulische) Bildungsgerechtigkeit und Digitalisierung während und nach Krisen sowie praxisnahe wissenschaftliche Erkenntnisse für die Lehrer:innenbildung.
Zentrale Ergebnisse des Projekts
Wir konnten unterschiedliche Verständnisse von Schule, Unterricht, Bildung und Erziehung in LSA und BC rekonstruieren. Die – für die Lehrpersonen und Schulleitungen – gegenüber nicht-pandemischen Zeiten stabil sind.
In LSA werden Schüler:innen und Unterricht wesentlich als Orte verstanden, an denen Schüler:innen Angebote erhalten, sich mit Fachgegenständen auseinanderzusetzen; dabei wird davon ausgegangen, dass sie – auch innerhalb von Bildungsgängen – dazu unterschiedlich ‚fähig‘ sind. In BC wird Schule einerseits als Ort des sozialen Miteinanders verstanden, in dem man sich gegenseitig begegnet und hilft und Lehren als Angebot, das angepasst wird, wenn es aufseiten der Schüler:innen nicht zum Erwerb führt.
Aufseiten der Schüler:innen konnte die hohe Relevanz von Schule und Unterricht als Ort, an dem peerbezogenes Miteinander erlebt und erfahren wird, rekonstruiert werden, dies war während der Pandemie gar nicht möglich, eingeschränkt oder – v.a. in BC – anders organisiert (digital).
Differenzierung von physischer und sozialer Distanz: in beiden Kontexten war eine physische Distanz gegeben, die soziale Distanz war in LSA deutlich größer.
Schulschließungen waren in LSA deutlich länger als in BC.
Schüler:innen aus nicht-privilegierte Milieus waren in LSA stärker von Isolation betroffen als priviligierte Schüler:innen; in BC deutlich weniger Unterschiede.
Schüler:innen erleben, dass ihnen Bildungs- und Teilhabemöglichkeiten vorenthalten wurden, obwohl diese eigentlich vorhanden sind.
Neben erheblichen pandemiebedingten Belastungen wurden bestehende strukturelle Problemlagen, v.a. sozio-ökonomischer Ungleichheit und ihre Reproduktion durch Schule und Unterricht sichtbar und wurden durch das Erleben der Pandemie teilweise verstärkt.
Konkrete Handlungsempfehlungen
Verständnisse von Schule, Unterricht, Bildung und Erziehung sollten grundlegend auf gesellschaftlicher, auf (bildungs-)politischer Ebene hinterfragt werden.
Internationale Vergleiche als relevante Themen für Aus- und Weiterbildung für Lehrpersonen
Verständnis von Schule als sozialen Ort stärken.
Akteur:innen und Institutionen, an die diese Handlungsempfehlungen gerichtet sind
Kultusminister:innen der Länder, Politische Akteur:innen des Bildungsministeriums (BMBFSFJ), Schulbehörden, Staatssekretär:innen und Staatsräte der Länder sowie Amts- und Referatsleitungen.
Verwaltung und kommunale Praxisakteur:innen, Akteur:innen der Lehrer:innenbildung, Lehrpersonen und pädagogische Fachkräfte,
International vergleichende Bildungsforschung, Schul- und Inklusionsforschung.
- Leitung des Projektes: Prof. Dr. Tanja Sturm
- Mitarbeitende im Projekt: Annika Klement, Dr. Nils Schrewe
Projektförderung
Das BEB-COP-Projekt (Projektnummer 01UP2219) wird durch Mittel des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.