Forschungsprojekt-BEB-CoP
Foto: UHH/Röttger
Wofür steht BEB-CoP?
Der vollständige Name des Projekts ist: Behinderungen und Ermöglichungen von schulischer Bildung privilegierter und nichtprivilegierter Schüler:innen während der Corona-Pandemie - ein Vergleich zwischen Deutschland und Kanada.
Projektzusammenfassung
Das BMFTR -geförderte Projekt BEB-CoP (Projektnummer 01UP2219) untersucht die Bedingungen schulischer Bildungsteilhabe während der Corona-Pandemie entlang des Vergleichs eines mehr- und eines eingliedrigen Schulsystems, konkret von Sachsen-Anhalt und British Columbia. Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass die Pandemie bestehende Bildungsungleichheiten sichtbar machte und v.a. Schüler:innen aus sozio-ökonomisch benachteiligten Lebenslagen besonders betroffen waren. Vor diesem Hintergrund bearbeitet das Projekt BEB-CoP das Forschungsdesiderat, die Perspektiven der Schüler:innen in Bezug auf die Pandemie sowie ihre handlungspraktischne Verständnisse von ermöglichter und behinderter Bildungsteilhabe für unterschiedlich sozio-ökonomisch privilegierte Milieus vergleichend zu untersuchen. BEB-CoP verfolgt mit einem transnational vergleichenden Zugang zwischen einem Schulsystem, in dem sozio-ökonomische Ungleichheit stärker in Bildungsungleichheit transformiert wird, und einem, in dem dies weniger erfolgt. Der Vergleich der handlungspraktischen Verständnisse von Bildungsteilhabe in mehr- und eingliedrigen Schulsystemen soll erklären, wie schulische Bildungsteilhabe sowie deren Behinderung und Ermöglichung verstanden werden und, wie diese während der pandemiebedingten Schulschließungen enaktiert wurden Im Zentrum stehen die Erfahrungen von Schüler:innen, die zu Beginn der Panemie im Frühjahr 2020 die vierte Klasse besucht haben; ergänzend wurden Lehrpersonen und Schulleitungen einbezogen, um die Perspektiven der verschiedenen Akteur:innengruppen miteinander zu relationieren und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten ihrer Verständnisse von Bildungsteilhabe herauszuarbeiten.
Im Verlauf der rekonstruktiven Datenauswertung mit der Dokumentarischen Methode zeigte sich, dass die Pandemie von allen Befragten v.a. durch den Vergleich zu nicht-pandemischen Zeiten mit geöffneten Schulen beschrieben wurde. Dadurch präzisierte sich das ursprüngliche Erkenntnisinteresse des Projekts: Nicht die Pandemie selbst stand im Mittelpunkt, sondern die Rekonstruktion der erfahrenen Behinderung von Bildungsteilhabe sowie deren Behinderung und Ermöglichung. Vor diesem Hintergrund stellen sich die zwei leitenden Forschungsfragen: Erstens, welche handlungspraktischen Verständnisse von Bildungsteilhabe sowie deren Behinderung und Ermöglichung haben die schulischen Akteur:innen, und zweitens, inwiefern diese Verständnisse während der Pandemie als behindert und/oder ermöglicht erlebt und/oder hervorgebracht werden. Die Pandemie wird damit nicht als Ursache unterschiedlicher Verständnisse interpretiert, sondern als analytische „Lupe“, durch die implizite Orientierungen der schulischen Akteur:innen sichtbar und rekonstruierbar werden.
Theoretisch ist das Projekt in der Praxeologischen Wissenssoziologieverankert und arbeitet methodologisch mit der Dokumentarischen Methode. Ziel ist die Rekonstruktion impliziten, handlungsleitenden Wissens, das sich in den sozialen Praxen der Akteur:innen dokumentiert. Insgesamt wurden an zehn Schulen Gruppendiskussionen mit Schüler:innen sowie Interviews mit Lehrpersonen und Schulleitungen durchgeführt. Die Datenauswertung erfolgte über sinngenetische und soziogenetische Typenbildung sowie durch den Vergleich der rekonstruierten Orientierungen zwischen den verschiedenen Akteur:innengruppen und den beiden Schulsystemen.
Die Ergebnisse zeigen, dass schulische Bildungsteilhabe kein einheitliches, von allen schulischen Akteur:innen geteiltes Verständnis darstellt. Vielmehr konnten unterschiedliche handlungspraktische Verständnisse von Bildungsteilhabe sowie ihrer Behinderung und Ermöglichung rekonstruiert werden. Bei den Schüler:innen wurden vier Typen rekonstruiert, die Bildungsteilhabe u.a. als Erfüllung schulischer Leistungsanforderungen, als fachliche und soziale Teilhabe, als Ergebnis pädagogischer Begleitung oder als Folge bereitgestellter Infrastruktur verstehen. Lehrpersonen unterscheiden sich v.a. darin, ob sie Bildungsteilhabe überwiegend über die Bereitstellung von Lernmaterialien, verbunden mit der Erwartung individuelle erfolgreicher Bearbeitung durch Schüler:innen oder als Form schulischer Beziehungsgestaltung, Zugehörigkeit und Wohlbefinden konzipieren. Auch die Schulleitungen weisen unterschiedliche Verständnisse auf, die sich entlang der Sicherung organisatorischer Rahmenbedingungen und der Gestaltung einer solidarischen Verantwortungsgemeinschaft unterscheiden. Gemeinsam zeigen die rekonstruierten Ergebnisse, dass sich die Verständnisse von Bildungsteilhabe sowohl zwischen den Akteur:innengruppen als auch zwischen den beiden untersuchten Schulsystemen unterscheiden. Während sich im eingliedrigen Schulsystem British Columbias überwiegend kulturelle Verständnisse zeigen, in denen die Ermöglichung von Bildungsteilhabe als gemeinsame organisationale Verantwortung verstanden wird, zeigen sich bei Lehrpersonen und Schulleitungen im mehrgliedrigen Schulsystem Sachsen-Anhalts überwiegend individualisierende Verständnisse. Demgegenüber zeigen die Ergebnisse der Schüler:innen in beiden schulsystemischen Kontexten kulturelle Verständnisse von Bildungsteilhabe.
Aus den Ergebnissen ergeben sich theoretische, methodologische und praxisbezogene Perspektiven. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Begriffs schulischer Bildungsteilhabe sowie zu dessen Anschlussfähigkeit an die Schul-, Unterrichts- und Professionsforschung sowie an die Dis_Ability Studies. Darüber hinaus eröffnen die Ergebnisse Anknüpfungspunkte an den internationalen Diskurs zu well-being und belonging. Für die schulische Praxis und die Professionalisierung von Lehrpersonen wird deutlich, dass die Reflexion unterschiedlicher Verständnisse von Bildungsteilhabe eine wichtige Grundlage für Schul- und Unterrichtsentwicklung und Krisenvorsorge darstellt. Schulische und unterrichtliche Entwicklungsprozesse sollten stärker eine gemeinsame Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Verständnissen von Bildungsteilhabe eröffnen. Digitale Infrastruktur ermöglicht es zunehmend auch in Form transnationalen Austauschs sowohl zwischen Schüler:innen, Lehrpersonen, Schulleitungen und Studierenden unterschiedlicher Schulsysteme.
Projektdauer
01.02.2026 bis 31.01.2026
Teilnehmende
- Leitung des Projektes: Prof. Dr. Tanja Sturm
- Mitarbeitende im Projekt: Annika Klement, Büşra Kocabıyık
Projektförderung
Das BEB-COP-Projekt (Projektnummer 01UP2219) wird durch Mittel des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.