Innovative internationale Lehre in der EW: Bildungsmedien im internationalen Vergleich – ein Interview mit Stephan Benzmann
2. März 2026

Foto: Benzmann
Dr. Stephan Benzmann ist seit 2013 Dozent im Arbeitsbereich Didaktik der Sozialwissenschaften. Im Jahr 2025 hat er dort erfolgreich seine Promotion mit dem Titel „Lernnarratologische Politikdidaktik“ abgeschlossen. Stephan Benzmann ist Lehrer an einem Gymnasium in Hamburg, Fachseminarleiter für das Integrationsfach Gesellschaft am Landesinstitut für Lehrerbildung in Hamburg sowie Schulbuchautor. Eines seiner Forschungsinteressen sind internationale Perspektiven der politischen Bildung und deren Impulse für hochschuldidaktische Konzepte zur Professionalisierung von Lehrkräften sowie für die Unterrichtspraxis.
Im Interview teilt Stephan Benzmann seine Erfahrungen mit Lena Borlinghaus-ter Veer (Referat Internationalisierung) zu unerwarteten Erkenntnissen, hilfreichen Tools und dem Umgang mit Sprachbarrieren im Rahmen internationaler Seminarformate.
Herr Benzmann, Sie haben im Wintersemester 2025/2026 ein Masterseminar mit dem Titel „International vergleichende Analyse von Bildungsmedien“ durchgeführt. Was hat Sie dazu motiviert, ein Seminar mit internationaler Ausrichtung zu organisieren?
Die Idee zu diesem Seminar entstand bereits vor mehreren Semestern. In meiner Dissertation, in der ich Politikschulbucheinheiten zum EU-Türkei-Beitritt erforschte, bezog ich kontrastiv internationale Schulbucheinheiten ein. Diese Analysen eröffneten neue Perspektiven auf Struktur und Inhalte und stellten zugleich soziokulturelle und methodologische Nationalismen, wie sie beispielsweise von Ulrich Beck beschrieben wurden, infrage. Diese Erkenntnisse wollte ich in die Lehre einbringen und analysierte mit Studierenden internationale Politikschulbuchcover, um zu prüfen, ob sich ein allgemeines Proprium politischer Bildung abstrahieren lässt. Aus diesen Erfahrungen entwickelte ich ein Masterseminar der Fachdidaktik Sozialwissenschaften, in dem die Grundoperationen fachdidaktischen Denkens konsequent anhand internationaler Perspektiven vertieft werden.
Worum genau ging es in dem Seminar und was war das Besondere an dem Konzept?
Gegenstand waren internationale Bildungsmedien der politischen Bildung, von denen ausgehend sich die Studierenden mit den Bildungssystemen und Fachkulturen in anderen Staaten auseinandersetzten.
Nach einer ersten Phase, in der forschungsmethodische Grundlagen erarbeitet wurden, analysierten die Studierenden in Gruppen Politikschulbücher aus Japan, Mosambik, Österreich und Kroatien. Digitale Tools wie Particify, OpenOLATund TaskCard unterstützten die partizipative Seminarstruktur sowie die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg.
Besonders war, dass internationale Dozent:innen – Professor:innen und Lehrkräfte aus den USA, Schweden, Dänemark und der Türkei – in einzelnen Sitzungen zu Gast waren.
Inwiefern halten Sie die internationale Perspektive für die hochschuldidaktische Ausbildung künftiger Lehrkräfte für bedeutend?
Nachdem die Studierenden Gemeinsamkeiten zwischen dem deutschen und dem dänischen Schulsystem sowie dem Fach der politischen Bildung zunächst auf die geografische und kulturelle Nähe zurückführten, stellten sie erstaunt fest, dass auch mit Japan zahlreiche Parallelen bestehen. Nicht nur das japanische Schulsystem mit der Einteilung in Grund-, Mittel- und Oberschule weist Ähnlichkeiten auf, auch Politikschulbucheinheiten sind strukturiert wie in deutschen Politikschulbüchern: Sie enthalten beispielsweise ebenso viele einzelne Lernmaterialien und Lernaufgaben und sind thematisch zum Teil auch in Pro und Kontra strukturiert. Die Studierenden äußerten sich auch überrascht darüber, dass politische Bildung in der Türkei mit ähnlichen Lernwegen gestaltet wird wie in Deutschland.
Die internationalen Perspektiven forderten bestehende Vorstellungen und Haltungen heraus und stärkten zugleich Perspektivenübernahme, Vergleichskompetenz und Reflexionsfähigkeit. Die Auseinandersetzung mit Konzeptionen politischer Bildung in anderen Staaten regte die Studierenden dazu an, politische Bildung auf einer übergeordneten Ebene als Handlungskontext menschlicher schulischer Bildung zu reflektieren.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Gastdozent:innen aus den USA, Schweden, Dänemark und der Türkei gestaltet? Wie sind Sie bei der Organisation und Kontaktaufnahme vorgegangen?
Die Kooperationen basierten teils auf bereits bestehenden Kontakten, teils entstanden sie neu im Rahmen des Seminars. Mit einer Kollegin aus Istanbul arbeite ich beispielweise an einem binationalen Projekt, dessen Ergebnisse in Form eines Wissenstransfers in das Seminar eingebracht werden konnten.
Der transatlantische Kontakt nach Südkalifornien in den USA entstand neu. […] Ich habe mich sehr gefreut, dass er zustande kam, da eine solche Anfrage aus dem Ausland durchaus Skepsis hervorrufen kann. […]
Vor welchen Herausforderungen standen Sie bei der Umsetzung dieser internationalen Lehrveranstaltung?
Um einen gemeinsamen Rahmen für die sehr unterschiedlichen Kontexte und Schwerpunkte der Gastdozenten zu schaffen, habe ich die ersten Sitzungen selbst gestaltet und mit den Studierenden methodische Instrumente thematisiert, mit denen internationale Bildungsmedien verglichen werden können. […]
Vor den Sitzungen mit den Gastdozenten habe ich mit ihnen besprochen, worum es genau gehen wird, und sie daran erinnert, dass es um Perspektiven auf sozialwissenschaftlichen Unterricht geht – eine Herausforderung, die die Studierenden insbesondere mit der Kollegin aus Kalifornien äußerten […]. Der Fokus auf den Unterricht und Bildungsmedien hat jedoch in diesem Kontext zu kontraintuitiven Einsichten geführt: Die Studierenden haben vermutet, dass der Unterricht in Kalifornien wie das US-Parteienspektrum polarisiert ist; stattdessen haben sie erfahren, dass der Unterricht kontrovers gestaltet wird und auf wissenschaftlichen Standards basiert. Beides wurde anschließend jeweils als neue Erkenntnis beschrieben. […]
Welche Sprache wurde im Seminar hauptsächlich verwendet? Welche Strategien oder didaktischen Methoden empfehlen Sie, um Sprachbarrieren zu überwinden und den Austausch im Seminar zu fördern?
Während in regulären Sitzungen auf Deutsch gesprochen wurde, fanden die Sitzungen mit den Gastdozenten in Englisch statt. Ich habe das bereits im Text der Lehrveranstaltungsbeschreibung auf STiNE transparent angekündigt. [Die digitalen Sitzungen ermöglichten es, Sprachbarrieren durch schriftliche und mündliche Übersetzungen flexibel zu überbrücken.]
Bedeutend war zudem, dass alle Gastdozenten ihre Materialien zur Verfügung stellten und wir auf dieser Basis eine Auswertungsphase auf Deutsch durchführten.
Die Studierenden haben die Texte […] mit digitalen Hilfsmitteln übersetzt und in bestehende visuelle Formate integrieren lassen. Ich habe sie allerdings dazu aufgefordert, dass sie diese Übersetzung möglichst von Muttersprachler:innen gegenchecken sollten, um eine sprachliche Authentizität sicherzustellen.
Sie haben digitale Tools wie Particify, OpenOLAT und TaskCards eingesetzt. Wie haben diese Tools die internationale Zusammenarbeit und Diskussionen erleichtert?
OpenOLAT hat sehr dabei unterstützt, dass Materialien, eingeordnet in eine übergeordnete Struktur, zur Verfügung gestellt wurden. Durch den Einbezug von Particify konnten gleich mehrere hochschuldidaktische Ziele erreicht werden. Auf der einen Seite konnten die Studierenden durch die unterschiedlichen Fragenserien inhaltliches und organisatorisches Feedback geben, dass umgehende systematisch ausgewertet und visualisiert wurde. […] Dadurch hatten sie Einfluss auf den weiteren Verlauf des Seminars. Auf der anderen Seite konnten Lernerfolge sichtbar gemacht werden, indem die Studierenden beispielsweise in anonymen Quizzes, in denen es um die Seminarinhalte ging, gegeneinander antraten. Durch TaskCards wurden Ergebnisse digital gesammelt und unkompliziert gespeichert. […]
Wie haben die Studierenden das Seminar erlebt? Gab es besonderes Feedback oder bemerkenswerte Rückmeldungen?
Eine Studierende hat beispielsweise ihren Großvater in Kroatien nach einem Politikschulbuch gefragt und mit diesem eine Einheit übersetzt. Sie konnte durch ihre familiären Hintergründe Wissen und Perspektiven in das Seminar einbringen, was durch eine mononationale Seminarausrichtung nicht möglich gewesen wäre.
Die Studierenden haben mit Verwunderung darauf reagiert, dass das Fach der politischen Bildung in allen Bildungssystemen, um die es im Seminar ging, auch eine explizite Staatsbürgerkunde ist. Auf dieser Basis haben sie die deutschen Fächer der politischen Bildung mit ihren nationalen Eigenheiten betrachtet.
In der Lehrveranstaltungsevaluation gaben Studierende beispielsweise an, dass ihnen die vielen internationalen Zugänge und die Perspektiven in andere Kulturen und Systeme deshalb gefallen haben, denn „Dadurch erschließen sich Probleme und Vorteile, die man in den eigenen Lehrstil integrieren kann“.
Wo sehen Sie den größten Mehrwert solcher Veranstaltungen für Lehrende und Studierende?
Die Studierenden haben im Rahmen der Analyse der Politikschulbucheinheit aus Mosambik in der Breite mit Unverständnis darauf reagiert, dass die historische Kolonialisierung nicht kritischer und mit Schuldzuweisungen verknüpft ist. Erst im Verlauf der Sitzung begannen sie zu analysieren, welche didaktischen Ziele mit der Darstellung in dem Material deutlich werden und diskutierten dann soziokulturelle und ökonomische Gründe.
Der größte Mehrwert solcher Veranstaltungen liegt, wie hier, in der gezielten Perspektiverweiterung. Studierende lernen, politische Bildung nicht als selbstverständlich gegebenes Konzept zu verstehen, sondern als historisch und soziokulturell geprägte Praxis. Das stärkt ihre professionelle Urteilsfähigkeit und ihre Fähigkeit, Unterricht reflektiert zu gestalten.
Für Lehrende bieten solche Formate die Möglichkeit, eigene hochschuldidaktische Routinen zu hinterfragen und Lehrkonzepte evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Zugleich ergeben sich auch Impulse für Forschungsvorhaben. Damit leisten internationale Lehrveranstaltungen nicht nur einen Beitrag zur Qualität und Internationalisierung at homein der Lehrkräftebildung, sondern können auch die Vernetzung und Sichtbarkeit der Universität im internationalen akademischen Raum erhöhen.
Haben Sie Tipps oder Empfehlungen für Kolleginnen und Kollegen, die ihre Seminare internationaler gestalten möchten?
Internationale Perspektiven in der Lehre können zu neuen Perspektiven oder zu Erweiterungen bestehender führen, wodurch bestehende soziokulturell geprägte Haltungen gegenüber Gegenständen produktiv herausgefordert werden. Ich würde deshalb dazu raten, dies auch in Fächern zu wagen, in denen dies bisher nicht üblich ist. Der Aufwand ist anfangs ggf. höher, doch betreffen die Vorteile nicht nur die Studierenden: Ich habe nicht nur neue Kontakte geknüpft, sondern auch neue Erkenntnisse gewonnen.
Während des Seminars musste der Ablaufplan zwei Mal geändert werden, weil sich Kontakte und Termine zum Teil erst während des Semesters ergaben. Bei der Seminarplanung sollte deshalb, anders als in regulären Seminaren, eine höhere Flexibilität eingeplant werden.
Wichtig ist auch gleich zu Beginn, die Terminierung mit den Standorten von Gastdozenten zu koordinieren. Mein Seminar habe ich auf die Zeit zwischen 18-20 Uhr gelegt, da ein früherer Zeitpunkt die Teilnahme für Menschen aus Kalifornien mit -9 Stunden Zeitunterschied erschwert hätte. Gleichzeitig war nur ein Zeitunterschied mit maximal +2 Stunden in die andere Himmelsrichtung, zum Beispiel nach Istanbul möglich.
Haben Sie Pläne für zukünftige internationale Lehrveranstaltungen, Projekte oder Kooperationen?
Im November war eine Gruppe dänischer Kolleg:innen […] in Hamburg zu Gast. Im gemeinsamen Austausch zu didaktischen Repräsentationen der EU in Dänemark und Deutschland wurde deutlich, wie stark derselbe Gegenstand durch unterschiedliche soziokulturelle und politische Kontexte im Unterricht geprägt ist. Aus diesen Gesprächen sind erste Überlegungen zu einem binationalen Forschungsprojekt entstanden […].
Ich verfolge das Ziel, ein stabiles internationales Netzwerk in der Lehrkräftebildung aufzubauen, das Forschende, Lehrende und Schulen miteinander verbindet – etwa durch entsprechende Formate wie in dem Masterseminar, aber auch darüber hinaus beispielsweise durch die Einbindung von Studierenden an Universitäten in anderen Staaten. Besonders reizvoll wäre es auch, mit einer Studierendengruppe eine Universität außerhalb Europas zu besuchen, um Lehrkräfteausbildung und sozialwissenschaftlichen Unterricht vor Ort kennenzulernen und mit lokalen Akteur:innen in den Austausch zu treten.
Kürzlich ist zudem ein Artikel von mir erschienen, in dem Unterrichtsreportagen aus Hospitationen in Kalifornien vorgestellt und ihre hochschuldidaktischen Einsatzmöglichkeiten im Rahmen des Kernpraktikums diskutiert werden. Weitere Hospitationen sind bereits geplant und werden perspektivisch auf andere Länder ausgeweitet.
Die internationale Perspektive wird damit auch künftig ein fester Bestandteil meiner Lehrveranstaltungen bleiben, da sie einen zentralen Beitrag zur Professionalisierung angehender Lehrkräfte leistet.
Kontakt Stephan Benzmann: stephan.benzmann"AT"uni-hamburg.de
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