„Willkommen an Bord“„Mich hat schon früh fasziniert, wie Kinder Schritt für Schritt ihre sprachlichen Kompetenzen aufbauen“Michael Krelle verstärkt die Erziehungswissenschaft
2. April 2026

Foto: UHH/privat
Michael Krelle ist von der TU Chemnitz nach Hamburg gekommen und wird eine Professur an der Fakultät für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Didaktik der deutschen Sprache und Literatur – Primarstufe“ antreten. In seiner Arbeit fragt Michael Krelle danach, wie gute Sprachbildung konkret gelingt und welche Stellschrauben wichtig sind – im Klassenzimmer, in der Lehrkräftebildung und in der Bildungspolitik. Im Interview erzählt er, was ihn antreibt, welche Fragen ihn aktuell besonders umtreiben und worauf er sich in Hamburg am meisten freut.
Ihr Weg als Wissenschaftler in fünf Sätzen?
Nach meinem Lehramtsstudium in Hamburg war ich an den Universitäten in Duisburg-Essen, Paderborn, Vechta und zuletzt in Chemnitz tätig. Mich hat schon früh fasziniert, wie Kinder Schritt für Schritt ihre sprachlichen Kompetenzen aufbauen und welche Bedingungen diesen Prozess unterstützen oder behindern. Aus diesem Interesse heraus habe ich begonnen, diagnostische Instrumente zu entwickeln, mit denen sich sprachliche Lernstände präziser erfassen und Lernprozesse gezielter begleiten lassen. Dabei ging es mir immer darum, Diagnostik nicht als Selektionswerkzeug, sondern als Grundlage für förderorientierten Unterricht zu verstehen. In jüngerer Zeit habe ich meinen Blick verstärkt auf digitale Lernumgebungen gerichtet, um auszuloten, wie sie sprachliche Bildung anreichern, individualisieren und diagnostisch besser anschlussfähig machen können.
Wie beschreiben Sie Ihr Forschungsgebiet in wenigen Sätzen?
Mein Forschungsgebiet liegt in der empirischen Deutschdidaktik und damit an der Schnittstelle von sprachlicher Bildung, Literalität, Diagnostik und Unterrichtsentwicklung. Ich untersuche, wie Kinder sprachlich-literale Kompetenzen aufbauen und welche Lernumgebungen ihnen dabei besonders helfen – in der materiellen Welt wie im Digitalen. Ein Schwerpunkt ist die Entwicklung und Erprobung von Instrumenten, mit denen Lehrkräfte sprachliche Lernstände erfassen und daraus konkrete Förderentscheidungen ableiten können. Insgesamt geht es mir darum, empirische Befunde so aufzubereiten, dass sie in Unterrichtspraxis und Lehrerbildung wirksam werden. Dabei interessieren mich immer auch folgende Fragen: Warum profitieren manche Kinder systematisch stärker von Bildungsangeboten als andere, obwohl sie im selben Unterricht sitzen? Wie hängen sprachliche Anforderungen, Ressourcen und schulische Förderung zusammen? Und an welchen Stellen verstärken Schulen ungewollt bestehende Ungleichheiten? Meine Expertise bringe ich mittlerweile in die Ständige Wissenschaftliche Kommission der der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) ein.
Wie erklären Sie Ihre Forschung ganz einfach verständlich?
Das musste ich ehrlicherweise auch meinen Eltern häufiger erklären. Ich versuche es immer so: Ich schaue mir als Forscher an, was Kinder im Unterricht sprachlich schon können – zum Beispiel beim Lesen, Schreiben oder beim Sprechen und Zuhören – und was ihnen noch schwerfällt. Dann untersuche ich, woran das liegen könnte: am Unterricht, an den Aufgaben, an den Materialien oder daran, wie wir Dinge erklären. Aus all dem versuche ich schließlich, Ideen abzuleiten, wie Unterricht so gestaltet werden kann, dass möglichst viele Kinder gut mitkommen und weiterlernen können.
Zu welchen aktuellen gesellschaftlichen Themen oder Herausforderungen möchten Sie Ihre wissenschaftliche Expertise beitragen (und wie)?
Im Bildungsbereich überlagern sich derzeit mehrere große Herausforderungen, die sich auch international ähneln, aber je nach Land unterschiedliche Schwerpunkte haben. Zentral sind für mich vor allem Fragen der Bildungsungerechtigkeit, der Qualität von Unterricht sowie Anforderungen der Digitalisierung. Ich möchte meine wissenschaftliche Expertise in genau diese Debatten einbringen. Zuletzt haben wir im Team beispielsweise mit LEON (Leseraum Online) eine digitale Lernumgebung für die Grundschule entwickelt, die von über 150.000 Menschen genutzt wird und mit der wir evidenzbasierte Verfahren der Leseförderung in den Schulen verankern. Darauf aufbauend veröffentlichen wir gerade das sogenannte LES-O-METER – ein KI-Werkzeug, mit dem Lehrkräfte automatisiert Rückmeldungen zur Leseflüssigkeit der Schüler:innen sowie Hinweise zur weiteren Förderung bekommen.
Worauf dürfen Studierende sich freuen oder gespannt sein?
Auf eine große Schatzkiste mit Schreibproben von Kindern, eine ganze Bibliothek von Kinderbüchern und eine große Begeisterung für Wissenschaft und Lehre.
Was wollen Sie an der Universität Hamburg oder von der UHH ausgehend bewirken, bspw. in Bezug auf Lehre, Transfer, Nachhaltigkeit etc.?
Wir haben es schon jetzt mit einer Schule zu tun, die durch eine Vielzahl an Veränderungen und Herausforderungen geprägt ist: Dazu gehören demografische Herausforderungen, sich verändernde Bildungswege im System, zunehmend sprachlich, kulturell und lebensweltlich heterogene Kontexte, veränderte Einstellungen und Erwartungen aller Akteure sowie veränderte Leistungen und Kompetenzen der Schüler:innen, aber auch unterschiedliche Wege der Professionalisierung von Lehrkräften. Und das alles in einer Gesellschaft, die sich in einer „Kultur der Digitalität“ mit den vermutlich größten Herausforderungen seit der Industrialisierung konfrontiert sieht. Diesen Herausforderungen zu begegnen, an Antworten auf drängende Fragen mitzuarbeiten und Lösungen nachhaltig im Schulsystem, aber auch in der Lehre zu verankern, das treibt mich an.
Wie sieht Ihre internationale Zusammenarbeit aus, mit welchen Universitäten oder Institutionen arbeiten Sie zusammen?
Auf nationaler Ebene gibt es mehrere Kooperationen mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) sowie mit den Landesinstituten der Länder, z. B. dem Institut für Schulqualität des Landes Berlin (ISQ) und dem Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ) in Hamburg. Diese Kooperationen zielen auf Fragen der Diagnose und Förderung, unter anderem mit Blick auf KERMIT (Kompetenzen ermitteln) 2 und 3 und den Berliner Lernverlauf. International bestehen Forschungskooperationen mit dem Institut des Bundes für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen (IQS) zur sogenannten individuellen Kompetenzmessung PLUS – iKMPLUS. Transferprojekte bestehen mit Ministerien der Länder, etwa dem Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Worauf freuen Sie sich in Hamburg?
Wenn ich auf der Straße wieder mit „moin“ begrüßt werde und im Radio das Wetter mit „strichweise diesig“ beschrieben wird, weiß ich, dass ich zu Hause bin. Ich freue mich natürlich auch sehr auf das fachdidaktisch-pädagogische Umfeld und die vielen tollen Kolleg:innen in Hamburg. Es gibt bereits jetzt viele fachliche Kontakte, die ich gern vertiefen und in gemeinsame Projekte einbringen möchte. Und schließlich freue ich mich natürlich auf die neugierigen Studierenden und die Lehre.

