„Willkommen an Bord“Nur wenn wir den Ist-Zustand des Bildungssystems kennen, lassen sich dringende Handlungsfelder erkennenGabriel Nagy verstärkt die Erziehungswissenschaft
14. Januar 2026

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Gabriel Nagy ist von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nach Hamburg gekommen und wird eine Professur an der Fakultät für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Design international vergleichender Studien“ antreten. In seiner Arbeit verbindet er die Entwicklung internationaler Bildungsstudien mit Fragen dazu, wie Lern- und Bildungswege gelingen können. Im Interview spricht er darüber, was ihn motiviert, welche Themen ihn besonders beschäftigen und worauf er sich in Hamburg freut.
Ihr Weg als Wissenschaftler:in in fünf Sätzen?
Schon früh wollte ich Wissenschaftler werden und habe deshalb bereits während des Studiums nach einer Stelle als studentische Hilfskraft gesucht. So kam ich zu einem Forschungsprojekt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dort schrieb ich meine Diplomarbeit und später meine Dissertation und beschloss, der Wissenschaft treu zu bleiben. Danach folgten Stationen an der Uni Tübingen in der Abteilung Empirische Bildungsforschung und Pädagogische Psychologie sowie dem Leibniz Institute for Science and Mathematics Education und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Jetzt freue ich mich sehr, an der Universität Hamburg angekommen zu sein.
Wie beschreiben Sie Ihr Forschungsgebiet in wenigen Sätzen?
Mein Forschungsgebiet hat zwei Schwerpunkte. Einerseits untersuche ich, wie sich Menschen in institutionellen Kontexten wie Schule, Ausbildung und Beruf entwickeln. Dabei interessiere ich mich insbesondere dafür, wie sie Übergangs- und Wahlentscheidungen treffen, beispielsweise bei der Wahl eines Fachs oder einer Ausbildung, und welche Folgen diese Entscheidungen für ihre weitere Entwicklung haben. Zum anderen arbeite ich im Bereich Educational Measurement. In diesem Bereich befasse ich mich mit statistischen und psychometrischen Verfahren, die vor allem in großen Bildungsmonitoringstudien eine zentrale Rolle spielen. Diese Verfahren erprobe und entwickle ich in meiner Arbeit weiter.
Wie erklären Sie Ihre Forschung ganz einfach verständlich?
Ich möchte meine Forschung gern anhand zweier Beispiele erklären. In Studien zum Bildungsmonitoring möchten wir beispielsweise herausfinden, was Schüler:innen tatsächlich wissen und können. In der Regel setzen solche Studien auf Freiwilligkeit und gehen davon aus, dass alle Teilnehmenden motiviert sind, Tests und Fragebögen sorgfältig zu bearbeiten. In der Praxis ist das jedoch nicht immer der Fall. Deshalb entwickle ich gemeinsam mit Kolleg:innen Methoden, mit denen sich solche Antworten erkennen und berücksichtigen lassen, um Kompetenzen verlässlich einschätzen zu können.
Im zweiten Bereich geht es um die Frage, was passiert, wenn Bildungswege gut oder weniger gut zur eigenen Person passen. Was bedeutet es beispielsweise, wenn jemand einen Studiengang wählt, der nicht zu den eigenen Interessen oder Stärken passt? Ich untersuche, wie sich diese Passung messen lässt und welche Auswirkungen sie auf Lernen, Motivation und weitere Entscheidungen hat.
Zu welchen aktuellen gesellschaftlichen Themen oder Herausforderungen möchten Sie Ihre wissenschaftliche Expertise beitragen?
Meine Forschung hat einen direkten Bezug zu aktuellen Herausforderungen. Einerseits geht es darum, die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems verlässlich zu erfassen. Nur wenn wir ein genaues Bild des Ist-Zustands haben, lassen sich dringende Handlungsfelder erkennen. Mit meinen Arbeiten möchte ich dazu beitragen, dass das Bildungsmonitoring qualitativ hochwertig bleibt und eine solide Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen bietet.
Andererseits beschäftige ich mich mit Fragen zur Gestaltung individueller Bildungswege. Angesichts hoher Abbruchquoten im tertiären Bildungsbereich ist es wichtig, junge Menschen frühzeitig zu unterstützen. Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen, dass sie passende Studien- und Ausbildungsoptionen besser erkennen, einschätzen und langfristig erfolgreich nutzen können.
Worauf dürfen Studierende sich freuen oder gespannt sein?
Studierende dürfen jemanden erwarten, der Forschung sehr schätzt und seine Begeisterung dafür weitergeben möchte. Für mich bedeutet Wissenschaft, Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und sich nicht auf schnelle Antworten zu verlassen. Erkenntnisgewinn kann anstrengend sein, führt aber immer wieder zu echten Aha-Momenten. Genau diese Erfahrung möchte ich in meinen Lehrveranstaltungen ermöglichen. Mein Ziel ist es, Neugier zu wecken und Lust auf eigene Forschung zu machen.
Was wollen Sie an der Universität Hamburg oder von der UHH ausgehend bewirken, bspw. in Bezug auf Lehre, Transfer, Nachhaltigkeit etc.?
An der Universität Hamburg möchte ich meine Aufgaben in Forschung und Lehre bestmöglich erfüllen. Wenn ich mit meiner Arbeit dazu beitragen kann, die Qualität des Bildungsmonitorings zu stärken und Impulse für eine bessere Unterstützung junger Menschen bei ihren Laufbahnentscheidungen zu geben, wäre das ein wichtiger Erfolg. Besonders am Herzen liegt mir, Studierenden wissenschaftliches Denken nahezubringen und sie dafür zu begeistern. Wenn mir das gelingt, kann daraus im Laufe der Zeit ganz konkret Nutzen entstehen – für die Universität und darüber hinaus.
Wie sieht Ihre internationale Zusammenarbeit aus, mit welchen Universitäten oder Institutionen arbeiten Sie zusammen?
Meine Arbeit ist international vernetzt. Enge Kooperationen bestehen mit der Universität Oslo und der University of Central Florida. Mit Kolleg:innen dort arbeite ich in mehreren Projekten zusammen, vor allem im Bereich Educational Measurement.
Zudem ist meine Professur eng mit der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) verbunden. Diese Organisation bringt Forschungseinrichtungen und Forschende weltweit zusammen, um Bildung besser zu verstehen und weiterzuentwickeln. Dadurch ist meine Tätigkeit fest in der internationalen Bildungsforschung verankert, was ich als große Bereicherung empfinde.
Worauf freuen Sie sich in Hamburg?
Ich freue mich sehr auf das wissenschaftliche Umfeld in Hamburg. Besonders spannend finde ich, dass Bildungsmonitoring hier stark verankert ist und es eine lebendige Forschungsszene gibt. Darüber hinaus gibt es bereits viele andere gute Kontakte, die ich vertiefen möchte. Und natürlich freue ich mich auf die Stadt und die Universität. Das urbane, lebendige Umfeld habe ich seit meinem Wegzug aus Berlin vermisst und finde es schön, wieder darin einzutauchen.

