Digitale Schulbücher barrierefrei gestalten
17. April 2026

Foto: UHH/Peschke
Nur wenige digitale Schulbücher sind barrierefrei. Das ergab eine Analyse von 77 digitalen Schulbüchern der Mathematik und Geografie für Grundschule und Sekundarstufe I im Rahmen des Projekts „Digital Education Material“. In einer Handreichung sowie einem Prototypen entwickelte das Projektteam Ideen und technische Lösungen, wie Lerninhalte digital und barrierefrei konzipiert werden können.
Seit 2019 verfolgen Bund und Länder in Deutschland mit dem DigitalPakt Schule das Ziel, die Digitalisierung in Schulen voranzutreiben. Über Chancen, Herausforderungen und Grenzen digitaler Unterrichtsmaterialien wird viel diskutiert. Die fortschreitende Digitalisierung sowie die gesetzlichen Neuerungen (Barrierefreiheitsstärkungsgesetz) führen zu neuen Möglichkeiten und Notwendigkeiten, auch bezüglich der Gestaltung von Lerninhalten. Doch welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit digitale Lerninhalte wirklich barrierefrei sind? Welche didaktischen Potenziale bergen digitale Schulbücher? Welche digitalen Schulbücher gibt es bisher und wie steht es um deren Barrierefreiheit? Diesen Fragen hat sich das interdisziplinäre Team des Erasmus+-Projekts „Digital Education Material“ (DEM) gewidmet, zu dem auch Prof. Dr. Sven Degenhardt und Dr. Marie-Luise Schütt von der Fakultät für Erziehungswissenschaft der UHH gehören.
Das Team aus Forschenden der Bereiche Didaktik, Blinden- und Sehbehindertenpädagogik, Inklusionspädagogik sowie der Informatik und Technik hat 77 digitale Schulbücher der Fächer Mathematik und Geografie für Grundschule und Sekundarstufe I hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit analysiert. Dafür haben die Forschenden einen umfassenden Kriterienkatalog, der sowohl technische als auch fachdidaktische Qualitätskriterien berücksichtigt, entwickelt. Gibt es Alternativtexte für Bilder, Überschriften und Schaltflächen, die von Vorlesesoftware erkannt werden? Sind Grafiken und Texte mit hohem Kontrast und gut lesbarer Schrift vorhanden? Haben eingebundene Videos Untertitel oder stellen sie Gebärdensprache bereit? Wie sind Lerninhalte sowohl visuell als auch taktil bereitzustellen? Wie können Schüler:innen durch geeignete Hilfsmittel bei der Aneignung mathematischer und geografischer Lerninhalte unterstützt werden (Scaffolding)?
Die Ergebnisse der Analyse wurden auf dem International Summit on Global Education for CVI and Visual Special Needs (INSIGHT) 2026 in Luxemburg präsentiert. Das Ergebnis: Viele digitale Schulbücher sind als einfache Bild- bzw. Druckdatei der Originalbuchfassung angelegt, sodass mit assistiven Technologien kein Zugriff auf die Inhalte im Schulbuch stattfinden kann. Damit werden definierte Standards der technischen Barrierefreiheit nicht erfüllt. Das Team aus dem Projekt hebt hervor: „Leider bleiben die digitalen Schulbücher auch beim didaktischen Potential hinter den Umsetzungsmöglichkeiten. Statt vielfältiger Interaktions- und Differenzierungsmöglichkeiten konnten wir vorrangig traditionelle Methoden und geschlossene Aufgabenformate im Analyseprozess feststellen. Da ist zukünftig noch viel Potential gegeben!“
Ideen dafür, wie Schulbücher von Beginn an barrierefrei konzipiert werden können, haben die Expert:innen in einer Handreichung zusammengetragen. Dabei berücksichtigen sie nicht nur Aspekte der technischen Barrierefreiheit, sondern auch didaktische Fragestellungen. Unterschiedliche Lernvoraussetzungen werden dabei ebenso beachtet wie verschiedene Interessen oder Zugänge, sodass am Ende ein digitales Schulbuch für alle Schüler:innen entstehen kann. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und damit anschaulich sind die Ergebnisse im Prototypen aufbereitet. Beispielsweise verdeutlicht der Prototyp in der Geografie (Sekundarstufe I), wie man sowohl visuelle (Text- und Bildinformationen) als auch taktile Informationsmöglichkeiten zum Schichtvulkan (3D-Modell) bereitstellen kann. Auch im Prototyp der Mathematik werden vielfältige Anregungen, z. B. durch die Eingabe von Lösungen in Schrift- oder Sprachform, wie ein digitales Schulbuch im Universal Design for Learning gestaltet werden kann.
Über das Projekt
Das Erasmus+–Projekt wurde vom Centre pour le développement des compétences relatives à la vue (CDV) aus Luxemburg initiiert und koordiniert. Neben Forschenden der Universität Hamburg, zählen Wissenschaftler:innen und Expert:innen der Universitäten Münster, Bozen und Vechta sowie der TU Graz zum Projektteam. Analyseergebnisse, Handreichungen und Prototypen sind auf der DEM–Projektseite verfügbar.
