Junge ForschungWie sind Comics in die Schulen gekommen?Anna Strunk im Gespräch
11. Februar 2026

Foto: Privat
Die Verwendung von Comics als Bildungsmedien im Unterricht ist heutzutage keine Besonderheit. Doch das war nicht immer so: In den 1950ern hatten Comics einen schlechten Ruf, eine Verwendung im Unterricht war entsprechend unvorstellbar. Wie Comics in die Schule gelangt sind und warum Comics zeitweise sogar als politische Gefahr gesehen wurden, erzählt uns Anna Strunk.
Zur Reihe „Junge Forschung“
Woran arbeiten eigentlich junge Erziehungswissenschaftler:innen? Und wo können sie aus ihrer Forschungsarbeit interessante Impulse für die Praxis einbringen? In dieser Reihe stellen wir junge Forschende aus unserer Fakultät und ihre Arbeit vor.
Worum geht es in deiner Arbeit?
Meine Arbeit liegt im Bereich der historischen Bildungsforschung. Das heißt, ich schaue zurück auf den Diskurs über Comics in der pädagogischen Praxis in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er bis 1980er Jahre. Das Verwenden von Comics im Unterricht ist heute allgemein akzeptiert – das war es jedoch nicht immer. Ich interessiere mich daher für die Frage: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Comics im Unterricht genutzt werden? Blickt man etwa auf die 1950er Jahre, beobachtet man eine Phase der sehr starken Ablehnung von Comics. Diese ablehnende Haltung trat zuvor bereits in den USA auf. Dort gab es Comics schon deutlich früher als in Deutschland. Dazu zählten auch Hefte für Erwachsene, zum Beispiel „Crime“- oder „Horror“-Comics, die keinen besonders guten Ruf hatten. Das schlechte Image übertrug sich teilweise nach Deutschland – obwohl es in Deutschland in der Form keine „Horror“- oder „Crime“-Comics gab. Ein Grund für die starke Ablehnung war, dass man das Medium noch nicht richtig kannte, während gleichzeitig die Verkaufszahlen von Comics explodierten. Fast jedes Kind hat damals Comics gelesen. Einige Pädagog:innen und Eltern hatten deshalb Angst, dass die vielen Bilder dazu führen, dass Kinder nicht mehr richtig lesen und schreiben lernen, dass Comics sie zu Gewalt anstiften oder sie keine „guten“ Bücher mehr lesen. Ähnliche Debatten kennen wir heute über Fernsehen und Social Media.
In den 1950er Jahren war es also unvorstellbar, dass Comics irgendwann mal in der Schule verwendet werden – trotzdem wurde genau das ab den späten 1960er Jahren getan. Dementsprechend habe ich mir angeschaut, woher dieser Wandel im Meinungsbild unter Pädagog:innen kam. Warum hat man plötzlich die Notwendigkeit gesehen, Comics in den Unterricht einzubinden? Welche Potenziale hat man ausgemacht? Und wer hat sich mit welchen Argumenten für den Einsatz von Comics als Bildungsmedien eingesetzt? Diese historische Diskursanalyse ist der Hauptteil meiner Arbeit. Darüber hinaus habe ich mir angeschaut, wie diese Diskurse in Rahmenrichtlinien und Bildungspläne der westdeutschen Bundesländer Einzug gefunden haben.
Welche Ergebnisse hast du erhalten?
Durch die Diskursanalyse konnte ich den Verlauf der Debatte in Phasen einteilen. Besonders hervorzuheben ist die Phase, die direkt an die „Anti-Comic“ -Debatte anschließt. Dort fand eine Neubewertung von Comics statt und eine ideologiekritische Analyse geriet in den Fokus. Das heißt konkret, dass Pädagog:innen die Befürchtungen der 1950er-Jahre zum großen Teil verwarfen und Comics stattdessen eher als politische Gefahr ansahen. Sie waren der Meinung, dass Comics im Unterricht behandelt werden müssten, damit Kinder und Jugendliche über ihre Rolle im Leben und in der Gesellschaft aufgeklärt werden. Dazu gehörte auch, mehr über die Produktion von Comics und ihre Produzent:innen zu lernen. Man legte Wert darauf zu vermitteln, dass hinter der Comicproduktion eine Industrie steht, die vor allem an Gewinnen aus Comicverkäufen interessiert war. Gleichzeitig lassen sich in dem Zeitraum auch viele positive Stimmen zu Comics als Unterrichtsmittel finden. Zum Beispiel wurde hervorgehoben, dass Lehrkräfte Comics nutzen könnten, um die Motivation von Schüler:innen zu steigern, den Unterricht zu demokratisieren oder als Hilfsmittel zum Lesen- und Sprachelernen. Es gab viele Vorschläge, um Comics im Unterricht zu nutzen.
Später folgte eine Phase, in der franko-belgische Comics und sogenannte Bildungs- und Informationscomics relevanter wurden. Es gab folglich neue Materialien, mit denen gearbeitet werden konnte, was wiederum zu Veränderungen der Debatte führte.
Für wen sind deine Ergebnisse relevant?
Meine Arbeit liefert einen Beitrag für die historische Bildungsforschung sowie für die Bildungsmedienforschung und die Comicforschung. Bis jetzt fehlt es an Diskursanalysen zu Comics als Bildungsmedien im historischen Blick. Die 50er Jahre sind in diesem Bereich gut erforscht, aber zu dem Zeitraum zwischen den 1960er und 80er Jahren ist bisher wenig geforscht worden.
Gibt es eine Quintessenz deiner Arbeit?
Nach den Debatten der 1950er Jahre löste sich die Kritik nicht vollkommen auf, sondern verlagerte sich hin zu einer Sichtweise von Comics als politische Gefahr. Comics wurden nicht plötzlich allgemein positiv betrachtet, stattdessen wurde die Notwendigkeit anerkannt, dass Schüler:innen sich im Unterricht mit Literatur auseinandersetzen sollten, mit der sie sich auch in ihrer Freizeit beschäftigten. Das war neu: Davor waren viele Pädagog:innen der Überzeugung, dass Schüler:innen sich im Unterricht ausschließlich mit „Hochkultur“ oder „klassischer“ Literatur beschäftigen sollten. Dass die Lebenswelt der Schüler:innen als Ausgangspunkt gewählt wird, war eine neue Herangehensweise.
Insgesamt zeigt sich, dass die Debatte sehr vielfältig war. Die Ausprägungen der einzelnen Standpunkte waren dabei unterschiedlich extrem. Was ich vorher nicht in diesem Ausmaß erwartet hatte, war eine sehr intensive Analyse des Mediums Comic im kapitalismuskritischen Kontext und mit Bezug auf die Kritische Theorie. Das führte manchmal zu einer gewissen Ironie: Ein komplexer Theorietext, der sich mit Micky Mouse oder anderen Heften beschäftigt, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als politische Gefahr erscheinen.
Du untersuchst Comics als Bildungsmedien der 1960er bis 1980er Jahre. Was hat sich verändert und welche Erkenntnisse deiner Forschung finden sich in der Gegenwart wieder?
Comics sind in Schulen mittlerweile ziemlich akzeptiert. Gesamtgesellschaftlich trifft das jedoch nicht immer zu. Es gibt auch heute immer wieder sehr kritische Aussagen über Comics. Teilweise werden Comics immer noch nicht als „richtige“ Literatur angesehen. Was sich in erster Linie verändert hat, ist die Ausgangslage: Damals war es ein brennendes Thema, weil Comics bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt waren. Heute ist es so, dass Kinder und Jugendliche eher weniger Comics lesen. Das heißt, man geht mit ganz anderen Comics an den Unterricht heran. Das sind meistens explizit Bildungs- und Informationscomics oder das, was man unter Graphic Novels versteht. Micky Mouse und Superman spielen inzwischen nicht mehr die größte Rolle. Das, was in den 1960er bis 80er Jahren passiert ist, würde ich zwar als Vorreiter oder Ideengeber der Comicdidaktik heute sehen, insgesamt hat sie sich aufgrund der veränderten Ausgangslage jedoch stark verändert und weiterentwickelt. Allgemein lässt sich festhalten, dass in den Schulen und im allgemeinen Diskurs immer das Medium den meisten Raum einnimmt, das bei den Schüler:innen sehr aktuell ist. Und heute sind das eher nicht mehr die Comics.
Anna Strunk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Historischen Bildungsforschung der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungsmedienforschung, Comicforschung, Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Historische Bildungsforschung des 19. und 20. Jahrhunderts, Public History sowie transnationale und transatlantische Bildungsgeschichte. Aktuell arbeitet sie an ihrem Dissertationsvorhaben „Comics als Bildungsmedien in der Bundesrepublik Deutschland (1960er bis 1980er Jahre)“, für das sie den Julius-Klinkhardt-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Historischen Bildungsforschung erhielt.

