VIeL
Vielfalt im Klassenzimmer: Eine Interventionsentwicklung zur Förderung von Diversitätsüberzeugungen bei angehenden Lehrkräften
Gefördert im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder
Laufzeit: 15.04.2025 – 31.08.2026
Projektbeschreibung
Ziel des Projekts ist es, eine Intervention zur Förderung von Diversitätsüberzeugungen bei Lehramtsstudierenden zu entwickeln und durchzuführen. Dabei soll es vor allem darum gehen, angehende Lehrkräfte für Diversität im Klassenzimmer zu sensibilisieren und ihre Diversitätsüberzeugungen zu stärken. Der effektive Umgang mit Diversität in der Schule ist ein zentraler Ansatzpunkt, um der Aufrechterhaltung von Ungleichheiten zwischen Schüler:innen etwa durch stereotype Verzerrungen bei der Leistungsbeurteilung entgegenzuwirken. Dabei könnten vor allem positive Diversitätsüberzeugungen von Lehrkräften eine entscheidende Rolle spielen. Wenn Lehrkräfte diversitätssensibel unterrichten, bedeutet dies, dass sie bei der Vorbereitung und Durchführung ihres Unterrichts die Varianz unterschiedlichster Schüler:innenmerkmale miteinbeziehen. Das Projekt untersucht, inwiefern positive Diversitätsüberzeugungen von Lehramtsstudierenden gefördert werden können. Dabei wird insbesondere der Zusammenhang zwischen Diversitätsüberzeugungen und Stereotypen in Bezug auf Geschlecht betrachtet. Ziel ist es, zu prüfen, ob eine Förderung von Diversitätsüberzeugungen bei Lehramtsstudierenden auch mit einer Reduktion der Stereotype einhergeht. Auf diese Weise soll ein Beitrag dazu geleistet werden, Lernumgebungen zu schaffen, die den individuellen Potenzialen und Bedürfnissen der Schüler:innen besser gerecht werden.
Hierzu wird eine experimentelle Studie mit Lehramtsstudierenden durchgeführt, in deren Rahmen eine Intervention entwickelt und erprobt wird. Dabei soll analysiert werden, ob die Intervention tatsächlich zu einer Veränderung der Diversitätsüberzeugungen führt und ob damit verbundene Stereotype reduziert werden können.
Umsetzung und Schwerpunkt der Studie
Ausgehend von der übergeordneten Frage, wie angehende Lehrkräfte für Diversität und stereotype Zuschreibungen sensibilisiert werden können, wurde im Projekt ein inhaltlicher Schwerpunkt auf Geschlechterstereotype gelegt. Untersucht wurden insbesondere geschlechterbezogene Zuschreibungen in den Bereichen Lesen und Mathematik. Auf Grundlage einer ersten Befragung wurde ein interaktiver Workshop entwickelt, durchgeführt und anschließend evaluiert. Im Folgenden werden erste Ergebnisse der Befragung sowie Befunde zur Durchführung und Bewertung des Workshops vorgestellt.
Erste Projektergebnisse: Geschlechterbezogene Zuschreibungen im Unterricht: erkennen – reflektieren – handeln
Geschlechterstereotype können beeinflussen, welche Fähigkeiten, Interessen und Verhaltensweisen wir Mädchen und Jungen zuschreiben (Aronson & Steele, 2005). Solche Zuschreibungen können sich auch auf Erwartungen gegenüber Schülerinnen und Schülern auswirken und damit langfristig Bildungsprozesse beeinflussen (Gentrup et al., 2024; Muntoni & Retelsdorf, 2018; Siems-Muntoni et al., 2025). Ziel unseres Projekts war es daher, angehende Lehrkräfte für Geschlechterstereotype zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen, diese im schulischen Alltag bewusst zu reflektieren und eigene Handlungsstrategien für einen geschlechtersensiblen Unterricht zu entwickeln.

VIeL im Blick
Im Rahmen der Studie nahmen im Herbst 2025 zunächst 290 Lehramtsstudierende an einer Online-Befragung teil. Erfasst wurden unter anderem Diversitätsüberzeugungen, explizite Geschlechterstereotype in den Bereichen Mathematik und Lesen sowie automatische geschlechterbezogene Assoziationen mithilfe eines Implicit Association Tests (Greenwald et al., 1998; Greenwald et al., 2003). Aus dieser Stichprobe nahmen anschließend 21 Lehramtsstudierende im Frühjahr 2026 an einem neu entwickelten Workshop teil, der sich mit Geschlechterstereotypen im schulischen Kontext beschäftigte. Im Sommer 2026 erfolgte schließlich eine Nachbefragung.
Erste Einblicke in die Ausgangslage
Die ersten Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Bei der direkten Einschätzung von Fähigkeiten sehen die meisten angehenden Lehrkräfte keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen: 66 % schätzen Mädchen und Jungen als gleich gut im Lesen ein, in Mathematik sind es sogar 74 %.
Anders sieht es aus, wenn nach Interessen und Verhalten gefragt wird. 46 % der Befragten gehen davon aus, dass Mädchen mehr Freude am Lesen haben und 60 % schreiben Mädchen ein stärkeres Leseverhalten zu. Im Bereich Mathematik zeigt sich die umgekehrte Tendenz: 29 % der Befragten nehmen bei Jungen mehr Freude an Mathematik wahr und 34 % gehen davon aus, dass Jungen sich stärker mit Mathematik beschäftigen.
Auch auf Ebene automatischer Assoziationen zeigte sich ein geschlechtstypisches Muster. Bei etwa drei Viertel der Teilnehmenden zeigten die Werte aus dem IAT stärkere automatische Assoziationen von Mädchen mit Lesen und Jungen mit Mathematik.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich geschlechterbezogene Zuschreibungen nicht unbedingt in direkten Kompetenzzuschreibungen zeigen, sondern insbesondere Annahmen über Interessen und Verhalten betreffen können.
Der Workshop
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wurde ein interaktiver Workshop entwickelt und mit einer Gruppe von 21 Lehramtsstudierenden durchgeführt. Im Mittelpunkt standen die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Geschlechterunterschieden und Geschlechterstereotypen, die Reflexion eigener geschlechterbezogener Zuschreibungen sowie die Entwicklung von Strategien für einen reflektierten Umgang mit geschlechterbezogenen Erwartungen im Unterricht.
Nach dem Workshop zeigten die Teilnehmenden signifikant höhere Selbstwirksamkeitserwartungen im Umgang mit Heterogenität im Klassenzimmer. Dies spiegelte sich unter anderem darin wider, dass 75 % der Teilnehmenden angaben, sich in der Lage zu fühlen, Lehr-Lern-Angebote so zu planen, dass geschlechtsbezogene Erwartungen keine Rolle spielen.
Wie bewerteten die Teilnehmenden den Workshop?
Die Rückmeldungen der angehenden Lehrkräfte fielen überwiegend positiv aus: So gaben 81 % an, dass die Informationen über ihre eigenen Geschlechterstereotype für sie interessant waren. Darüber hinaus stimmten 76 % der Aussage zu, dass sie glauben, ihre eigenen Stereotype verändern zu können. Zudem war es rund zwei Drittel der Teilnehmenden wichtig, ihre eigenen Stereotypen auch zu verändern.
Die ersten Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Workshop auf großes Interesse stieß und zur Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartungen im Umgang mit geschlechterbezogenen Zuschreibungen und Heterogenität beitragen kann. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie angehende Lehrkräfte für geschlechterbezogene Zuschreibungen sensibilisiert und in einem reflektierten Umgang mit ihnen unterstützt werden können.
Literatur
Aronson, J. M., & Steele, C. M. (2005). Stereotypes and the fragility of academic competence, motivation, and self-concept. In A. J. Elliot & C. S. Dweck (Hrsg.), Handbook of competence and motivation (S. 436–456). Guilford.
Gentrup, S., Olczyk, M., & Lorenz, G. (2024). Teacher stereotypes and teacher expectations at the intersection of student gender and socioeconomic status. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 56(1–2), 87–102. https://doi.org/10.1026/0049-8637/a000291
Greenwald, A. G., McGhee, D. E., & Schwartz, J. L. K. (1998). Measuring individual differences in implicit cognition: The implicit association test. Journal of Personality and Social Psychology, 74, 1464-1480. https://doi.org/10.1037/0022-3514.74.6.1464
Greenwald, A. G., Nosek, B., & Banaji, M. (2003). Understanding and Using the Implicit Association Test: I. An Improved Scoring Algorithm. Journal of Personality and Social Psychology, 85 (2), 197-382. https://doi.org/10.1037/0022-3514.85.2.197
Muntoni, F., & Retelsdorf, J. (2018). Gender-specific teacher expectations in reading—The role of teachers’ gender stereotypes. Contemporary Educational Psychology, 54, 212–220. https://doi.org/10.1016/j.cedpsych.2018.06.012
Siems-Muntoni, F., Dunekacke, S., Heinze, A., & Retelsdorf, J. (2025). „Jungs sind besser in Mathe“ – Geschlechterstereotype von Grundschullehrkräften und Erwartungseffekte für Mädchen und Jungen in Mathematik. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 28, 1123–1145. https://doi.org/10.1007/s11618-025-01330-2
Team
Dr. Francesca Siems-Muntoni (Ansprechpartnerin)
Marielle Wittlich (studentische Mitarbeiterin)